Europaschule Köln









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Frau Dr. Anita Lasker Walfisch wird Patin der Europaschule

Anlässlich ihres dritten Besuchs wurde die besondere Beziehung der ESK mit Frau Dr. Anita Lasker-Wallfisch in einer eindrucksvollen Feierstunde mit einer Patenschaft besiegelt.

Schülersprecher Jonas Scherr dazu in seiner selbst verfassten Rede:


Sehr geehrte Frau Dr. Lasker-Wallfisch, liebe Schülerinnen und Schüler, 

für mich ist es heute eine ganz besondere Ehre diese Rede stellvertretend für alle Schülerinnen und Schüler zu halten. Wir wollen heute eine Dame ehren, die mehr erlebt hat als wir es je erleben werden. Als sie in unserem Alter war, traf sie sich nicht mit ihren Freunden oder ging ins Kino, stattdessen kämpfte sie um ihr Leben im KZ  Auschwitz.

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hatte sie das Glück, als "Kriminelle" nach Auschwitz zu gelangen und somit vorerst ihr Leben zu retten. Eine ganz besondere Fähigkeit, die Frau Dr. Lasker-Wallfisch besitzt, ist die Perfektion am Cello. Dieses Talent der Hingabe an das Instrument gab ihr die Chance, an einem der schlimmsten Orte der Welt zu überleben. Sie kam in das Mädchenorchester des KZ Auschwitz. Sie - wie auch die anderen Mitglieder des Mädchenorchesters - spielte um ihr Überleben. Am 15. April 1945 befreiten die Briten das KZ Bergen-Belsen, indem sie sich zuletzt befand. Der Krieg war endlich vorbei doch ihre Leidenschaft blieb. Frau Dr. Lasker-Wallfisch wurde Mitbegründerin des Londoner English Chamber Orchesters. Endlich konnte Sie ihre Leidenschaft auch beruflich ausüben. Zu Beginn der Jahrtausendwende verabschiedete sie sich von den großen Bühnen dieser Welt und widmete sich einer anderen Leidenschaft: Nach über 40 Jahren begann sie Schülern und Schülerinnen ihre Geschichte zu erzählen. Zahllose Auftritte liegen hinter ihr, bei uns wie auch an vielen anderen Schulen.

Heute sind wir nun hier, um die Patenschaft zwischen Frau Dr. Lasker-Wallfisch und unserer Schule zu beschließen. Ein Pate soll eine Person sein, die man schätzen und der man vertrauen kann. Sie soll den Schützling auf seinem Weg begleiten, aber keine Vormundschaft übernehmen. Der Pate soll den Schützling in seiner menschlichen Entwicklung unterstützen und dazu ein guter Gesprächspartner sein. All diese Qualitäten haben wir bei Frau Dr. Lasker-Wallfisch gefunden. Sie unterstützt uns mit ihrer Geschichte und hilft uns dabei, offen für alle Nationen und Religionen zu sein. Ihre Geschichte soll uns vor Augen halten, was alles möglich ist, um nicht die Augen vor der Realität zu verschließen. Auch wenn wir persönlich die Zeit des Nationalsozialismus nicht miterleben mussten, haben wir trotzdem die Verantwortung als Teil einer Nation gegen das Vergessen vorzugehen. Unsere Schule ist mit ihrem großen Nationalitätenumfang ein perfekter Partner, denn jeden Tag treffen sich 1200 Schüler aus über 100 Nationen an diesem Ort. Jeden Tag lernen wir dazu, wie man mit allen Nationen wie auch Religionen zurecht kommen kann.

Ich selber bin außerordentlich stolz drauf, Sie, Frau Dr. Lasker-Wallfisch, als Patin für unsere Schule gewonnen zu haben. Für mich, wie auch für die nächsten und kommenden Jahrgänge, ist es eine Bereicherung, Sie, Frau Dr. Lasker-Wallfisch, weiter an unserer Schule begrüßen zu dürfen. Sie, ein Mensch der so viel gesehen und erlebt hat, kann für alle an unserer Schule nur eine Bereicherung sein. Niemandem kann es Schaden, mehr über die Vergangenheit zu erfahren und somit für die Zukunft aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Deswegen bleibt mir noch zu sagen, Sie recht herzlich an unserer Schule als Patin begrüßen zu können. Ich hoffe auf eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit."

 

 


Zeitzeugin zum zweiten Mal zu Besuch

 

 


Anita Lasker-Wallfisch spricht zu Schülern der Oberstufe in der Europaschule.
Eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz berichtet über ihre Erlebnisse in den Konzentrationslagern Auschwitz und Bergen-Belsen.

Der Konferenzraum der Schule füllte sich  und die Schülerinnen und Schüler unterhielten sich über alle möglichen Dinge. Dann kündigte sich die Ankunft von Anita Lasker-Wallfisch an. Die Präsenz ihrer Person machte auf alle Eindruck. Erwartung und Schweigen erfüllte den Raum. Dann begann die Zeitzeugin mit ihrer Lesung.

Frau Lasker-Wallfisch beschrieb in Ihrem Vortrag deutlich wie sie als heranwachsende Jugendliche im damals faschistischen Deutschland, angefangen durch rassistische Beschimpfungen und den darauf folgenden systematisch gesetzlich verordneten öffentlichen Schikanen und Verbote für Juden, die ständig zunehmende gesellschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Familien in Ihrer Heimatstadt Breslau erlebte. Und was Ihre Familie bewegte, trotz des menschenverachtenden Nazi-Terrors in Deutschland zu bleiben, bis auch Ihre Familie spätestens in Folge der Reichspogromnacht vom 9.November 1938 erkennen musste, dass sie als bisher anerkannte deutsche Bürger, nur auf Grund ihrer Abstammung von Vorfahren jüdischen Glaubens, zur industriellen Vernichtung in Mordfabriken wie des KZ Auschwitz bestimmt wurden.
Bis auf wenige mutige Freunde wurden Anita Lasker-Wallfisch und Ihre Familie, wie andere Verfolgte in ganz Hitler-Deutschland, auch von den meisten Mitmenschen in Ihrer Heimatstadt Breslau zur damaligen Zeit zumeist völlig widerspruchslos und gleichgültig als frühere Nachbarn, Bekannte oder Arbeitskollegen den Pogromen und Deportationen preisgegeben.

Die Zeitzeugin erzählte dem sehr beeindruckten Schülerpublikum weiter, wie sie gerade einmal 16 Jahre alt die Deportation Ihrer Eltern erlebte, welche sie seit diesem Tag niemals wieder sah und wie sie später selbst die damals schon 82-jährige Großmutter zum öffentlichen Deportationssammelplatz auf einem Schulhof in Ihrer Heimatstadt begleiten musste. Dies geschah im Wissen, dass auch dieser Abschied ohne Wiedersehen bleiben wird.
Sie berichtet weiter, wie aber ihre Schwester Renate und sie später selbst noch unglaubliches Glück hatten, statt ebenfalls gleich in ein Vernichtungslager deportiert zu werden, als jüdische Zwangsarbeiterinnen in einer Papierfabrik eingesetzt zu werden, wo sie sich im geheimen Widerstand einer dortigen Dokumenten-Fälschergruppe organisierten, um französischen Zwangsarbeitern mit gefälschten Papieren zur Flucht in den noch unbesetzten Teil Frankreichs zu verhelfen. Dabei wurden beide Schwestern jedoch gefasst und am 5. Juni 1943 wegen Urkundenfälschung von Hitlers bürokratisch gründlichem Unrechtssystem erst einmal zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, deren Verbüßung die Schwestern abstruserweise wiederum vorläufig vor der direkten Deportation in den Tod schützte.

Zunächst wird im Dezember 1943 Anita doch nach Auschwitz deportiert. Als verurteilte Kriminelle wird sie mit einem Gefangenentransport in das Lager gebracht und entgeht so erneut der bei Sammeltransporten mit Juden üblichen Massenselektion, bei der die meisten Ankommenden sofort in den Gaskammern ermordet wurden.
Als bekannt wird, dass sie Cello spielen kann, wird sie Mitglied des Lagerorchesters unter der Leitung von Alma Rosé, Nichte Gustav Malers und Tochter des Leiters der Wiener Philharmonie Albert Rosé. Das Lager- bzw. Mädchenorchester von Auschwitz musste Tag für Tag deutsche Märsche zum Auszug und beim Eintreffen der höllischen Zwangsarbeitskommandos am Lagereingang des KZ Auschwitz spielen. Zynischer kann Überleben in der Hölle nicht erlebt werden.
Später kommt auch Anitas Schwester Renate aus dem Zuchthaus ins KZ- Auschwitz, beide finden einander dort wieder und ertragen gemeinsam diese unbeschreiblich schwere Zeit. Im November 1944 werden Sie mit anderen Mitgliedern des Orchesters nach Bergen-Belsen verlegt, wo sie am Nachmittag des 15. April 1945 zwischen tausenden Toten von alliierten Truppen endlich befreit werden.

Auf die nach dem Vortrag anschließend von den Schülern gestellten Fragen, wie „Ob nach diesen erschütternden Erfahrungen, sie selbst noch an „Gott“ glauben könne?“ oder“ Was Sie sich für die Zukunft in Deutschland wünsche?“ antwortete Frau Lasker-Wallfisch jeweils sehr ausführlich: Dass es für sie nur den Menschen an sich und deren unbedingter und ausschließlich alleiniger Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen gibt. Weiterhin machte die Zeitzeugin deutlich, dass Vorurteile, Ausgrenzung und Hass auf vorgeblich universalschuldige Minderheiten, ob damals Juden oder heute Ausländer als Arbeitsmigranten oder Muslime, als perfide Grundlage von Übergriffen bis hin zu Kriegen nicht nur in Hitler-Deutschland verwendet wurde, sondern leider allzu oft auch in der Gegenwart wieder fast überall auf der Welt genutzt werden. Diesen gefährlichen Entwicklungen müsste jedoch als Lehre aus der Geschichte so früh wie möglich und entschieden entgegen getreten werden, weshalb Sie sich mit ihren Vorträgen und Gesprächen als Zeitzeugin insbesondere an die Schülerinnen und Schüler als den zukünftig verantwortlichen Gestaltern unserer Gesellschaft wendet, weil sich der Faschismus und dessen wahnsinnige Rassenideologie von angeblich „idealen Menschen“ als Herrenrasse sich nirgendwo noch einmal wiederholen darf.


Die Musik hat mein Leben gerettet

 

Anita Lasker–Wallfisch, die Cellistin des Frauenorchesters von Auschwitz (1943-1944), sprach am Freitag, 19.09.2008 mit Schülerinnen und Schülern der Oberstufe in der Europaschule Köln. Eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters  berichtete über ihre Erlebnisse in den Konzentrationslagern Auschwitz und Bergen-Belsen.

Der Konferenzraum der Schule füllte sich so nach und nach, und die Schüler unterhielten sich locker über alle möglichen Dinge. Dann kündigte sich die Ankunft von Anita Lasker-Wallfisch an. Alle waren gespannt auf die Zeitzeugin, die aus London extra nach Köln gekommen war.


Die Präsenz ihrer Persönlichkeit berührte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Autorin hingegen betrat den Raum mit der Bitte, nach einer kurzen Zigarettenpause. Das Schülerpublikum  war angespannt und neugierig auf ihre Lesung. Mehr als achtzig Schülerinnen und Schüler waren anwesend. Die Lektorin betrat den Raum erneut und setzte sich. Da stand eine  Frau, die so viele grausame Dinge erlebt hatte und gab  ein  Resümee ihres Lebens, sehr klar. Trotz oder wegen der unfassbaren Erlebisse war es ihr wichtig, mit Humor und Charme über ihre Erfahrungen zu berichten. Ihr Vortrag, wie auch die sich anschließende Diskussion, waren von berührender Leichtigkeit. Jeder hatte die Möglichkeit ihr in die Erinnerungen zu folgen. Frau Lasker-Wallfisch verstand es, ihre Lebensgeschichte den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern lebhaft und sehr interessant zu vermitteln.
Alle erlebten die Zeitzeugin als eine  jung gebliebene  Persönlichkeit, die auf jede Frage einging. Die Lesung von Frau Lasker-Wallfisch mündete in eine  Diskussionsrunde, insgesamt waren es  zwei beeindruckende Stunden gelebter Geschichte.
Schülerinnen und Schüler fragten lebhaft nach, was sie bewogen habe, nach ihren schrecklichen Erlebnissen in Deutschland wieder zurück zu kehren. Darauf antwortete die Autorin, dass sie als Zeugnis den jungen Menschen ein lebendes Beispiel der Vergangenheit sein wolle. Ihr Leben sei vor allem von der Musik bestimmt gewesen. Die Musik habe ihr Leben gerettet.

Die Autorin hatte sich zum Abschluss eine Kaffeetafel mit Lehrerinnen und Lehrern gewünscht. Persönliche Eindrücke der Schülerinnen und Schüler wurden nach dem Vortrag lange ausgetauscht aber auch schriftlich festgehalten.